In the Press and Media
Datum der Veröffentlichung: 08. August 2003
Autor: Marin Majica
Publikation: Berliner Zeitung
Titel: Auf der Suche nach der Club-Welle
Sacha Benedetti war Radio-Pirat und will Berlin nun einen neuen Radiosender schenken
Die vorerst letzte Welle hat Sacha Benedetti vor einer Woche zu Ende geritten. Ganz präzise: in der Nacht von Montag auf Dienstag um Punkt null Uhr. Da schaltete der 31-Jährige im Sendestudio in der Ziegelstraße in Mitte die Audioübertragung via Internet ab. Der Funksender der Telekom an der Jannowitzbrücke strahlte keine Signale mehr aus, und das Radioprogramm Twen FM auf der Frequenz 104,1 Megahertz verstummte. Wieder einmal.
Reichlich Rückendeckung
Sacha Benedetti ist Radiomacher. Zumindest würde er gerne dauerhaft UKW-Radio machen: eine Welle für die Musik der Berliner Clubs. Mit diesem Plan sind Sacha Benedetti und die anderen Funkaktivisten von Twen FM, die sich mehr oder weniger lose vernetzt unter diesem Namen zusammengetan haben, nicht ohne Sympathisanten. Auf www.twenfm.com sind als Unterstützer und Freunde Clubs wie WMF, Maria, Watergate und Tresor, die Labelzusammenschlüsse Marke B und Labcom sowie DJs und Künstler wie Ellen Allien, Erlend Oye und Jeansteam aufgelistet.
Das Label Motor Music, eine Tochter des Major Universal, ist mittlerweile Fördermitglied des Vereins in Gründung, erzählt Sacha in seinem Büro in der Ziegelstraße: “Die erkennen die Notwendigkeit von Spartenprogrammen.” Ein solches könnte Twen FM liefern, weil Benedetti im besten Sinne vernetzt ist. Schon seine Bürogemeinschaft Bootlab besteht aus Medienmachern, Künstlern und Musikern, die viele Verbindungen haben. Wie Benedetti, der sich mit verschiedenen Stipendien und Nebenjobs über Wasser hält, während des Gespräches nebenbei E-Mails liest und beantwortet – Networking für Profis.
Das Problem des Clubradios: Frequenzen sind in Berlin rar. Wenn in den vergangenen Jahren eine frei wurde, vergab sie der Medienrat der Medienanstalt Berlin Brandenburg (MABB) stets an kommerzielle Nutzer. Die Lösung für freie Radiomacher war ein Piratensender. Benedetti hatte das schon in Frankfurt am Main ausprobiert, von wo er 1998 nach Berlin zog. Ein Jahr später gründete er zusammen mit anderen sendebewussten Leuten den Piratensender Twen FM, der in Mitte auf 95,1 Clubmusik ausstrahlte.
Die erste Sendeanlage wurde zwar beschlagnahmt, doch Twen FM machte selbstsicher weiter – der neue Sendemast auf einem Dachboden Torstraße/Ecke Friedrichstraße war fast nicht zu übersehen. “Wir haben uns nie für etwas Illegales gehalten”, erinnert sich Benedetti. Die Behörden drückten wohl beide Augen zu. Nach dem 11. September 2001 verschärfte sich aber das Klima. Zweimal wurden die Sender ausgehoben und mehrere tausend Euro Strafe verhängt.
Die Radiomacher unter der Totenkopfflagge koalierten deshalb mit dem Offenen Kanal Berlin (OKB) und sendeten in dessen TV-Programm per Webcam Bilder und Musik von Berliner Tanzflächen. Seit 2002 bespielte Twen FM auch die Kabelradio-Frequenz des OKB. Doch das ist wegen der geringen Hörerzahl nicht interessant, sagt Benedetti: “Wir hatten als Piratensender mehr Hörer.” Das Ziel ist eine eigene “terrestrische Frequenz” – Twen FM auf UKW.
Die Gelegenheit schien gekommen, als Anfang 2003 die Frequenz 97,2 zu vergeben war. Der OKB und Twen FM bewarben sich gemeinsam. Doch der Medienrat entschied sich im Mai für die Vergabe an einen Betreiber-Mix aus Radio Russkij mit russischem Programm, dem Offenen Kanal, dem schwul-lesbischen BluRadio und dem US-amerikanischen Regierungssender World Radio Network. “Ein totales Gaga-Modell, damit wird doch keiner glücklich: Schwule, Russen und Amis zusammen”, kommentierte Benedetti damals die Entscheidung.
Die Alternative probte Twen FM in den vergangenen zwei Monaten. Die Radiomacher übernahmen im Mai von der Existenzgründer-Messe die für einen Monat gemietete Veranstaltungsfrequenz 97,2. Tagsüber lief Messeradio, nachts Clubmusik. Im Juni beteiligte sich Twen FM an Ersatzradio, einem Projekt der Kunstwerke und der Volksbühne auf der Frequenz 104,1. – der jetzt ausgelaufenen Welle.
Verjüngungskur für OKB
Im Juli hätte sich Twen FM an die Love Parade dranhängen können, doch zu der Parade passt das Selbstverständnis der Untergrundfunker so gar nicht. Benedetti und Twen FM machen deshalb Urlaub, dann erst neue Pläne. “Es sieht so aus, dass unsere Leute jetzt doch beim Offenen Kanal mitarbeiten können, der will sich verjüngen”, erzählt Benedetti vom aktuellen Stand. Losgehen soll es am 1. Oktober, über die Sendezeiten wird noch gesprochen. “Das könnte was Solides werden”, sagt Benedetti. Stoischer Zwangsoptimismus? Oder doch erste Ermüdungserscheinungen? Schwer zu sagen.
Bei der Suche nach der nächsten Welle muss man manchmal verdammt lange warten können.
BLZ/MICHAEL BREXENDORFF Musiker wie DJ Reimo von Jeans-team unterstützen Twen FM.
BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Hört die Signale: Sacha Benedetti (l. ) würde gerne unter dem Namen Twen FM die Musik der Berliner Subkultur senden.
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Datum der Veröffentlichung:16. August 2001
Autor: Konstanze Schmitt
Publikation: Berliner Zeitung
Titel: Die Radiopiraten sind wieder da
Der Sender TwenFM hofft auf einen legalen Sendeplatz
In einem alten Gewerbehof irgendwo in Berlin sitzt der 29-jährige Sacha und bastelt an der Elektronik. 1999 ging er mit dem Radiopiratensender TwenFM das erste Mal auf Sendung und schaffte es, ein Jahr lang Hörer in Mitte und Prenzlauer Berg mit seinem unkonventionellen Programm zu beschallen. Dann entdeckte die Telekom den illegalen Sender. Das war das Aus für TwenFM.
Doch die Radiopiraten sind wieder da. Etwa 100 DJ s aus der Berliner Klubszene stehen bereit, um heute Abend den Sendebetrieb wieder aufzunehmen. Im Moment ist noch jedes Programm willkommen, solange es qualitativ ist und “ideologisch”, so Sacha, dem Sendekonzept entspricht. “Wir haben keine festen Regeln, im Gegenteil, wir versuchen offen zu sein. Es gibt keine Unterschiede zwischen Jungs und Mädels, Ost oder West. Denn was das Projekt zusammenhält, ist der gemeinsame Wunsch, gute Musik und gute Partys zu machen. Allerdings müssen Idealismus und wirtschaftliches Denken Hand in Hand gehen.”
Unkonventionelles Programm
TwenFM, so die Hoffnung der Radiopiraten, soll in der kulturellen Szene Berlins einen legalen Sendeplatz bekommen. Neben dem Musikprogramm ist eine wöchentliche Berichterstattung über Kunst und Szeneleben geplant. Diese soll aber, so Sacha, “auf keinen Fall konventionell sein, wie bei anderen Sendern”. Auf dem dichten, aber nicht sonderlich abwechslungsreichen Berliner Radiomarkt will TwenFM eine Lücke schließen, die vor allem jungen Leuten auffällt, deren Musikgeschmack jenseits des Mainstreams liegt. Das “provinzielle Radioprogramm Berlins”, so Sacha, soll mit “bestem Entertainment” aufgefrischt werden. Vorbilder sind Piratenradios wie Radio Nova in Paris oder Cool FM in London.
Plattform für junge Musiker
Die Kooperationsbereitschaft vieler in Berlin existierender Institutionen aus dem Musik- und Unterhaltungsbereich ist genau aus diesem Grund groß: Viele wissen, dass TwenFM eine Zielgruppe erreicht, die von den kommerziellen Radiostationen vernachlässigt wird: kulturinteressierte 15- bis 35-Jährige, die auch gerne Partys feiern. Zahlreiche Berliner Unternehmen, vor allem aus dem Bereich der Klubkultur – Diskos, Musik- und Szenezeitschriften – unterstützen den Sender. Sie erhoffen sich eine von der Werbung noch nicht erschlossene Zone und so mehr Akzeptanz für ihre Aktivitäten. Nicht nur, um eine gemeinsame Zielgruppe zu erschließen, sondern auch, weil der Sender neue Formate anbietet, wie beispielsweise Live-Übertragungen aus Klubs.
Ab heute ist TwenFM wieder zu hören. Als Plattform für Musiker aus der gesamten Berliner Szene berichten sie nicht nur über das aktuelle Musikgeschehen, sondern sind selbst Teil davon.
Auf der Frequenz 95,1 TwenFM wird ab heute täglich von 16 bis zwei Uhr vor allem Hip Hop, Drum n Bass, Funk, Ragga, Two Step und Independent Musik gesendet. Bisher gibt es kaum Interessenten, die Wortbeiträge liefern. TwenFM ist auf der Suche nach Musikern, DJ s, Autoren und Moderatoren für die etwa 50 Sendungen. Kontakt: TwenFM@hotmail.com. Demnächst im Netz unter
www.twenfm.de
Anlaufstellen in der Musikbranche // Ausbildung im Musikbizz: Einen Lehrgang für Interessenten, Berufseinsteiger oder Beschäftigte in der Musikbranche bietet die “ebam Akademie” aus München an. Sie vermittelt das Branchen-Know-how in konzentrierter Form, abschließend können die Teilnehmer das Zertifikat zum Musikkaufmann erwerben. Über einen Zeitraum von zehn Monaten werden an zehn Wochenenden – jeweils Freitag bis Sonntag – die wichtigsten Inhalte von namhaften Referenten, die selbst im Musikbusiness tätig sind, vorgetragen. Die Lehrgangsthemen reichen von kaufmännischen Grundlagen, über Booking und Management sowie Medienarbeit, bis zur Konzertveranstaltung. Darüber hinaus ist die Jobbörse des Ausbilders “ebam” in Kontakt mit vielen Personalabteilungen aus Tonträgerunternehmen und hilft den Absolventen bei der Jobsuche. Informationen gibt es bei der ebam Akademie in München, Ansprechpartner: Michele Claveau, Telefon 089/ 54 88 47 91.
Hip Hop: Die Neuköllner Musikagentur G-TOWNpro produziert Hip Hop-, Soul- und R n B-Musik. Außerdem vermittelt G-TOWNpro DJs und Live-Auftritte, erstellt Partykonzepte und Werbemittel. Kontakt: redaktion@g-townpro. de Independent Style: Einige bereits bekannte Berliner Bands wie Kante, Surrogat oder Jeans Team entstammen den Räumen des Labels Kitty-yo am Rosenthaler Platz. Kontakt: info@kitty-yo. de Elektronische Musik: Minimal und dark sind die Sounds des Berliner Labels Elektro Musik Department, ehemals Betreiber der Klubs Panasonic und Init.
Techno und Deep House: Kontakte zwischen der russischen und der Berliner Musikkultur herzustellen ist die Zielsetzung des Labels Salo. Kontakt: salo-rec@gmx. net Afrikanische Musik, Worldmusik und Raggae gehören zum Repertoire der Plattenfirma und Musikagentur African Dance Records, die auch Liveauftritte ihrer Künstler organisiert. Kontakt: a4m-team@agents-4-music. de Pop und Schlagermusik sind das Hauptbetätigungsfeld des Labels Zett-records. Wer Glück hat, bekommt Zutritt zu den Kreisen um Schlagergrößen wie Frank Zander oder Gottlieb Wendehals, Tel. 883 61 87.
Das Internetradio recordcaster independent veröffentlicht Musik von unbekannten Bands und Musikprojekten, denen ein Austauschforum geboten werden soll. Zum Sender, der auch das Bandmanagement übernimmt, gehört außerdem ein Tonstudio.
Karriere übers Netz: Das Internetmusiklabel netrecord-z bietet die Möglichkeit, auf der Site eigene Musik zu veröffentlichen. Vom Label produzierte Songs werden unter Vertrag genommen und promotet.
Netzwerk: Die Berliner Disko WMF betreibt das Label WMF Records. Ziel ist nicht nur, frische Klubmusik auf den Markt zu bringen, sondern auch, Kontakte zwischen den unterschiedlichen Künstlern aus dem Bereich Klubkultur herzustellen. Kontakt: contakt@wmfree. com Musiklabels: Eine Liste mit Adressen über 700 deutscher Plattenlabels findet sich im Internet auf der Seite www. platten. net Links für Musiker: www. ebam. de www. elektro. fm www. hit4u. de/zett-records www. recordcaster. de www. netrecord-z. com www. haifischbecken. de www. musikbranchenbuch. de www. bandorganisation. de www. triebwerk-berlin. de PRIVAT “Onbasstraxx” nennen sich die DJ s Christine Lang und Loony Tunes. In ihrer Freitagnacht-Show mit wechselnden Gästen legen die beiden Radiopiratinnen Two Step und Garage auf.
Artikel online:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0816/musik/0007/index.html
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Datum der Veröffentlichung:15. März 2000
Autor: mc looney tunes
Publikation: Jungle World
Titel: Hear us rumble!
Ein Jahr lang sendete der Berliner Piratensender Twen FM Clubmusik und Obskures zwischen Punk und Rock. Jetzt ist vorläufig Sendepause.
»Hey, Ladys, my Mercedes!« C. und ich sitzen zusammen mit W. in seinem Benz, Baujahr ’84. Berlin ist verregnet, verdammter Winter, kann denn nicht irgendjemand die Hausnummer erkennen?
Im Fond sitzen und warten außer C.: zwei gepackte Platten-Taschen und drei Dosen Bier. Was, da? Nein, hier! Hm, parken. Klingel drücken. »Hallo, ihr müsst nach ganz oben!« O no. Das ganze Haus ist mit grauer Plane eingepackt. Bauschutt knirscht unter den Sneakers, vier Stockwerke hoch. Krrsch krrsch. Wir treten ein in Twen FMs erstes Sendestudio: Eine toprenovierte Ein-Zimmer-Wohnung, ein Prototyp von Berlins Neuer Mitte, mit großem Bett und kleiner Küche. Sie gehört M., der Freundin von S., der den Sender ins Leben gerufen hat.
Auf dem Computertisch stehen Plattenspieler, ein Mischpult und daneben: der Sender. Er sieht aus wie ein alter Verstärker mit abgenommener Schädeldecke, Twen FMs Mastermind sieht verdammt schrappelig aus. Aber – it’s magic! – er sendet! W. und C. packen ihre Platten und ich mein Mikro aus. Die Beats werden hochgedreht, und ich fange an: »This is Twen FM 95 point one, DJ radio for the millennium! Ihr hört on bass tracks, ab jetzt immer donnerstags von 22 bis 0 Uhr, yeah!« Radiosendung-Machen fühlt sich komisch an.
S. raucht am Küchentisch, M. telefoniert und zeigt C. ihr Bewerbungs-Tape für die Filmhochschule. Thema: »Breaking the Rules«.
März 1999
Dritte Sendung. Wir haben DJ A. eingeladen. Uneingeladen bringt er MC Wh. mit. Diese Show soll Chefsache sein. Nach einem exakt gezirkelten Set checkt man rum mit S., sie wollen eine eigene Sendung am Start haben. Kurze Verhandlung. Wann, was, wie, okay, geht klar. Jetzt möchte jeder einen Sendeplatz haben. Drum’n'Bass rules. Kleine Zettel gehen rum, auf denen man die gewünschte Zeit und den Musik-Style eintragen kann. In M.s Wohnung hängen nun jeden Abend von 20 bis 0 Uhr eine Menge Homies ab, verschütten Bier und verteilen Krümel im Bett. Die Wohnung wird langsam zu klein.
April 1999
Die erste richtige Location ist gefunden und bezogen! »Viel besser als bei der alten«, sagt DJ A. In der leer geräumten Wohnung kann sich endlich jeder an der Wand verewigen. Schnell ist die ganze Wand voller Tags. Selbst die Tür mit dem aus den Achtzigern stammenden knallroten Mund auf blauem Grund wird überkritzelt. Das Programm ist fast voll, die Reichweite des Senders aber noch gering. Wir haben einen Gast in jeder Sendung, meistens Drum’n'Bass, diesmal aber Dancehall, DJ B. Er hat Prominenz mitgebracht: Gentleman am Mikrofon! Seine Augen sind nur noch Schlitze, aber sehen muss er ja auch nichts.
Wir sind alle total gut gelaunt. Manche Abende im Sender haben diesen Zauber, dem man sich nicht entziehen kann. Ich überlege, warum das so ist: Es gibt bei Twen FM keine festgelegte Form, kein Sendeformat, und nur so kann es auch Überraschungen geben. Wie die Sendung wird, und wer dann vorbeikommt, ist uns vorher nie ganz klar. Ein TV-Team fragt später, ob uns die Illegalität kickt. Keiner will das bestätigen, Illegalität ist Mittel zum Zweck, kein Statement an sich.
Plötzlich ist alles dunkel! Alle stürmen an die Fenster. Drei Stockwerke unter uns leuchten ein paar Polizisten den Hof aus. Was gibt es wohl in den Ecken eines verdreckten Berliner Hinterhofes zu sehen, das für einen Polizisten interessant sein könnte? Ratlose, gespannte Stille. Nur DJ B.s letzter Tune flüstert Jamaika in den Senderaum. Polizistenkörper schleppen sich zwei, verdammt, drei Stockwerke hoch. Oha. Die Tür wird aufgestoßen. »Sind Sie das hier mit der Lautstärke?« wird geschnauzt. Wir sind geschockt, fühlen uns völlig unschuldig. Bevor wir noch richtig abstreiten können, wird das ganze Equipment von den Jungs eingepackt, einer deutet auf den Sender. Was das denn sei? »Keine Ahnung«, S. zieht die Schultern hoch, »hat keine Funktion.« Sie haben es geschluckt. Unglaublich. Yeah. Alles wird abtransportiert. Nur der Sender nicht. Haha! Nach einem kurzen Freudentaumel wird es still. Zwei Plattenspieler und ein Mischpult – futsch.
Mai 1999, erste Hälfte
Irgendwie ist es S. gelungen, neues Equipment aufzutreiben, aber zwei Wochen später ist auch das weg. Irgendjemand, es wird gemunkelt: die Post, hat über Nacht alles ausgeräumt. Und zwar alles! Demotivation macht sich breit. DJ A. merkt an, dass ihm das Ganze jetzt »zu heiß« wird.
Mai 1999, zweite Hälfte
C. hat einen der Plattenspieler, die bei der Ruhestörungsaktion konfisziert wurden, ausgelöst. Hat sich einen kurzen Rock angezogen und die Bullen angeklimpert. Blinzelblinzel, das ist mein Plattenspieler, blinzelblinzel, hier ist die Quittung, blinzelblinzel, und ich brauche ihn un-be-dingt zurück. Nuschelnuschel, da machen wir mal ausnahmsweise … eine Ausnahme nuschelnuschel, na, weil sie es sind, nuschelnuschel, lechz, ihre schlanken Finger müssen ja beweglich bleiben. Ja, und jetzt steht er in der neuen Location.
Die ist zwar abenteuerlich und lässt sich auch nicht abschließen. Ein winziges Zimmer auf einem unbeheizten Dachboden. Die einzige Sitzgelegenheit ist ein versifftes altes Surfbrett, auf dem jeder, der zum ersten Mal da ist, festklebt. Na, wenigstens ist es nah an der Antenne. Es ist immer noch kein zweiter Technics MK am Start, also landet C.s dort. S.s größtes Talent zweifelsohne: Leuten ihr Eigentum abschwatzen. Ohne das, und ohne die Gutmütigkeit seiner Opfer, gäbe es den Sender gar nicht.
Juni/Juli 1999
Schon wieder ist etwas geklaut worden: C.s Plattenspieler. Und nur der. Er war irgendwo auf dem Dachboden versteckt, in einer Mulde mit einer Decke zugedeckt oder so. Der andere war nur ausgeliehen und wurde von der Besitzerin wieder abgeholt. Twen FM braucht Geld, ist reif für eine Benefizparty. Es gibt nicht nur eine, es gibt viele in diesem Sommer. Nur, viel Geld kommt nicht rum dabei. Irgendetwas läuft immer schief. Bei der ersten Party fressen die Personalkosten des Clubs den Gewinn, bei der zweiten reichen die Moneten gerade mal für die Schulden (es kommt raus, dass so einiges auf Pump gekauft wurde), aber die dritte soll jetzt endlich Gewinn bringen! D. D., Künstler und Twen-FM-Sponsor, hat eine Ausstellungseröffnung und veranstaltet die anschließende Party zu Gunsten des Senders. Zum Geld-Verdienen hätte man den Ort nicht besser aussuchen können: ein Dachgarten mit Blick auf die Museumsinsel, very chic & exclusive, very Speed Garage. Es ist schon sehr früh sehr voll, genauso wie wir und alle anderen auch. An der Bar muss man ewig anstehen, und in den Ecken hört man Nasenschniefen. Wer nicht gerade auflegt, tanzt oder kichert selig vor sich hin. Am Ende des Abends bekommt Twen-FM-Macher S. von D. D. eine Menge Schotter und verschwindet daraufhin ganz plötzlich.
In den nächsten Tagen ist er nicht zu erreichen, keiner weiß, wo er ist. Bis ein noch immer vom Wochenende betrunkener Freund von ihm plaudert und bei uns für Ernüchterung sorgt: S. veranstaltet gerade seine ganz private Benefizparty: auf Sizilien!
August/September 1999
Die Organisation wird immer schlampiger. Schlüssel verschwinden, Leute werden nicht benachrichtigt, wenn ihre Sendung ausfällt. S. ist kaum noch da, alle bekannteren DJs der Stadt haben sich schon abgeseilt, Twen FM ist ein sinkendes Schiff, doch halt: Es naht Rettung! Dr. Disco, ein sehr ruhiger, freundlicher, relativ zuverlässiger und immer Gras rauchender junger Mann übernimmt die Führung. Er trägt eine Skijacke und spielt als DJ alles »von Achtziger bis Funk«. Er passt auf, dass nichts geklaut wird, ist eigentlich immer da.
Einmal komme ich mit W. vorbei, weil wir eine Party durchsagen wollen. Der Raum ist voll mit total dichtgekifften, aggressiven Mitte-HipHop-Homies. Dr. Disco steht mitten im Raum, von der Atmosphäre unbeeinflusst, lächelt entrückt.
Oktober 1999
Twen-FM-Treffen. Es wird klar: Mit Dr. Disco ist die Gitarren-Fraktion größer geworden. Wir befinden uns in der Sendung von Klaas, den habe ich noch nie gesehen, und die meisten anderen, die hier rumschwirren, auch nicht. Der Sound ist nicht so richtig einzuordnen für mich, ich sage mal: alles, außer elektronischer Musik. Ich finde, die machen sich hier unerhört dick, Dr. Discos neuer Assistent fragt: »Und wer bist du?«
November 1999
Donnerstag, »on bass tracks»-Sendung. In letzter Zeit haben C. und ich öfter mal blau gemacht, zum Glück hat W. die Stellung gehalten. Heute sind wir alle wieder dabei, als Gast legt DJ Basti Z HipHop auf, mit »endlosen MCs« im Schlepptau.
C. brettert als erste fette Drum’n'Bass-Beats rein, die HipHopper fläzen sich auf dem Sofa und nicken mit dem Kopf. Erst einmal einen zwirbeln. Ich schnappe mir das Mikro: »Sneak through the streets like on paws through the jungle, prick up your ears to ‘on bass tracks’, hear us rumble!«
Nach einer Dreiviertelstunde ist W. dran und lässt sweeten UK-Underground durch den Raum säuseln, mixt noch kurz ein sexy Vocal rein, nein, das waren C. und ich! Wir hauchen mit, haha! So, jetzt werden die MCs langsam ungeduldig. DJ Basti Z drängt an die Plattenteller. Die Jungs stellen sich in einen losen Kreis und lassen das Mikro rumgehen. MC Yaneq: »Ich cypher endlos wie Brockhaus, sag’, was los is, ich lock’s raus, Twen FM flow shit!« Eine halbe Stunde geht schnell rum, die Typen, die nach uns Sendung haben, sind sowieso schon länger nicht mehr da gewesen, und so machen wir locker bis eins durch. Supersendung! Der einzige Wermutstropfen: Wer zuletzt da ist, muss den Sender wegschleppen.
Dezember 1999
Die Steppaz Convention vom »Maria« hat Besuch aus England. DJ Skynet und DJ Stakka, dazu noch zwei MCs von Rude FM, einem Piratensender aus London. Ich rufe MC Tweed an, der samstags von 15 bis 20 Uhr Sendung macht, und frage ihn, ob er noch Platz für ein paar Gäste hat. Er hat. Nur: Wir warten und warten und keiner kommt. Es ist schon halb acht durch und die Leute von der nächsten Sendung, »Musique ˆ la carte«, stehen in den Startlöchern, inklusive Girls. Ich frage mich, wo sie die immer herbekommen. Sagen die denen: »Hey, ich mache eine Sendung auf’m Piratensender, wollt ihr gleich mitkommen?« Oder was? Naja, wir halten sie hin, so richtig glücklich sehen sie damit nicht aus, und pünktlich zum Sendeschluss kommen DJ Stakka, MC Jeppa Dee und MC Irie. Sie legen los, haben superfette Dubplates am Start, the MCs are faster than Speedy Gonzales! Die Jungs von der nächsten Sendung haben jetzt doch gar nichts dagegen, dass wir die Zeit überziehen, und eigentlich sind sie auch in Ordnung.
März 2000
Dr. Disco ist in Brasilien verschollen! Also hat S. wieder übernommen. Ein Peilwagen wird gesichtet und ein Ortswechsel steht an. Diesmal geht es ab in den Keller. Der Sendeplan wird neu festgelegt, alles scheint organisierter, einen Schritt weiter. Bei den obligatorischen Kartenverlosungen rufen endlich Leute an, die Presse und die Partys haben den Sender so bekannt gemacht, dass wir in Clubs von Hörern auf das Programm angesprochen werden.
Leider: Polizei und Post haben das auch alles verfolgt. Die Hoffnung, dass ein unpolitisches Clubradio geduldet wird, hat sich nicht erfüllt. Am Samstag, den 4. März, höre ich erste Gerüchte auf einer Party, MC Tweed raunt mir zu: »Der Sender is hops jejangen!« Am Sonntag telefoniere ich mit MC Yaneq: »Ich wollte gerade oben einen anrollen, da sehe ich drei Wannen und so einen technischen Truck rumstehen. Ich höre die Bullen sagen: ‘Ich glaube, wir haben ihn!’ und schon kommen sie reingestürmt. Unten waren ungefähr 15 Leute, DJs, MCs.«
MC Tweed: »Oben hörtest de Stiefel rennen, und zwar en masse, und auf einmal guckt mich ne Taschenlampe an: ‘Allet liegenlassen, rauskommen, Raum verlassen!’« Am 3. März, gegen 20 Uhr, stürmten drei Zehnermannschaften den Sender, demolieren Inventar, beschlagnahmen alle technischen Gegenstände und lassen 15 Kulturschaffende bis zu drei Stunden per Adler an der Wand stehen. DJ Hek 187: »Alle wurden durchsucht und müssen unterschreiben: ‘Untersuchung wegen Betreiben einer unerlaubten Sendeanlage / Beweismittel’, und dann: ‘ohne Erfolg’ ist angestrichen, puh!« Vorläufige Bilanz: Sendepause.
Twen FM sendet am 1. April legal im Internet unter www.twenfm.de und jede Nacht von 0 bis 2 Uhr mit Live-Chat, Video und Audio auf dem Offenen Kanal Berlin
Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
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Datum der Veröffentlichung:14. März 2000
Autor: Verena Dauerer
Publikation: taz
Titel: Vom Piraten zum Kulturserver
Anfang März stürmte die Berliner Polizei den Sendekeller von TwenFM. Nach der Konfiszierung seiner Ausrüstung will der DJ-Sender ab April legal per Internet und beim Offenen Kanal weitermachen
Radiomachen ist schön und ein nettes Hobby wie für andere Leute Gartenarbeit. Nicht schön ist, wenn man mit einem eigenen Sender von der heimischen Garage aus sendet und die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post dahinter kommt. Die erstattet Anzeige, besorgt einen Durchsuchungsbefehl und lässt die Polizei anrücken. Und wenn diese die Sendeanlage auch wirklich finden will, kann schon mal was im Eifer des Gefechts kaputtgehen. So was passiert halt. Das Pech hatte der Piratensender TwenFM in Berlin-Mitte zum Beispiel am 3. März.
Eine UKW-Lizenz ist für einen Sender in Berlin neben den 25 vorhandenen Programmen schwer zu ergattern, nicht kommerzielle private Sender bleiben chancenlos. So kämpft seit einigen Jahren das Projekt Radio Pi, ein Zusammenschluss aus mehreren freien Sendern, um eine eigene Frequenz. Die Legalisierung von Piratensendern ist völlig ausgeschlossen. Denn: “Die müssen auch nicht Mitarbeiter, Gema-Gebühren und Verbreitungswege bezahlen”, sagt Susanne Grams, Sprecherin der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg. “Die wollen ihre besonderen Inhalte verbreiten und Tabus brechen.”
In Berlin existieren zur Zeit etwa ein halbes Dutzend illegaler Sender, doch nur TwenFM und Radio Westfernsehen sind regelmäßig on air. Die anderen sind immer mal sporadisch zu hören.
Illegaler Clubsound
TwenFM will eigentlich auch keine politischen Tabus brechen, sondern ist über seine Illegalität hinaus ein DJ-Sender und für Clubsound zuständig, der seit einem Jahr täglich ab 18 Uhr rund acht Stunden lang in den Ostberliner Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg auf UKW 95,1 empfangen werden kann. “Wir machen einfach nur Musik”, meint der Initiator über die wöchentlich zwanzig Sendungen mit ungefähr 50 DJs. Ganz anders Radio Westfernsehen, das als Antifa-nah gilt und politisches Sendungsbewusstsein im Wortsinn demonstriert. Den TwenFM-Kollegen hat man nicht viel zu sagen, nach der Polizeiaktion hat ein Westfernseh-Mitarbeiter nur wenige mitfühlende Worte übrig: “Das ist eine andere Generation, die ihr Partygefühl erweitert. Die würden bei Kiss FM weitermachen, wenn die sie anstellen würden.” Radio Westfernsehen selbst sendet erst seit gut zwei Monaten regelmäßig auf der Frequenz 104,1.
Vielleicht sei es der Regulierungsbehörde mit einem weiteren, zudem explizit politischen illegalen Sender in der Stadt zu bunt geworden, spekuliert ein Mitstreiter über die Durchsuchung. Denn die kam zwar nicht unerwartet, aber zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Nach Einschätzung der Funkpiraten “könnten die Techniker der Telekommunikations-Behörde bereits nach 20 Minuten den Sender lokalisieren”. Doch die zuständige Bonner Behördenzentrale hüllt sich in Schweigen: Man habe eben so lange bis zur Entdeckung ds Senders gebraucht, sagte Sprecher Harald Dörr.
Nach TwenFM-Darstellung soll ein kommerzieller Sender gegen den Piratenkanal geklagt haben, weil dieser dem Privatprogramm Zuhörer abspenstig mache. Viel Publikum können TwenFM und Radio Westfernsehen mit ihrer Reichweite über ein paar Blocks wohl kaum den Fängen der Dudelfunker entreißen – und auch die Zielgruppe ist eine andere als die des etablierten Hörfunks. Warum die Regulierungsbehörde gerade jetzt eingeschritten ist, verrät sie nicht.
Cyber-TV und Chatforum
Unbestritten übereifrig ist aber die Polizei bei der Aktion gegen TwenFM vorgegangen. “Die kamen mit gezogener Waffe rein und haben uns gedroht”, sagt der 24-jährige Hip-Hop-DJ Hek 187: “Die Zivilbullen waren am härtesten. Wir mussten drei Stunden in der Grätsche an der Wand stehen.” Hek 187 stand am DJ-Pult und hatte noch die Kopfhörer auf, als die Polizisten Freitagabend gegen 20 Uhr in den Sendekeller im Bezirk Mitte eindrangen. Das machte ihn prompt zu einem der Hauptverdächtigen unter den 15 anwesenden DJs und MCs. Neben der Sendeanlage und den Plattenspielern beschlagnahmte die Polizei noch Mikrofone, Platten, Mini Discs der DJs und zwei PCs von Bewohnern des Hauses. Als die Personalien der Verdächtigen aufgenommen wurden, lief ironischerweise Radio Westfernsehen.
Ungewöhnlich ist der hohe Polizeiaufwand für ein Delikt, das mit dem neuen Telekommunikationsgesetz vor zwei Jahren zur Ordnungswidrigkeit herabgestuft wurde: “Das ist nicht mehr, als wenn Otto Normalverbraucher über eine rote Ampel fährt”, beurteilt Rechtsanwalt Rainer Palma die Lage, der schon einige Piratensender vor Gericht vertreten hat. “Die Verhältnismäßigkeit der Mittel sollte gewahrt bleiben”. Die Regulierunsgbehörde wird sich nun einen Hauptverantwortlichen suchen müssen, der in den nächsten Wochen einen Bußgeldbescheid über ungefähr 3.000 bis 5.000 Mark zugeschickt bekommt.
Das schreckt den TwenFM-Gründer nicht ab: “Wir lassen das ganze weiterlaufen.” Bald auch digital – und legal: Ab April im Internet unter www.twenfm.de. Außerdem soll im Nachtprogramm des Offenen Kanals täglich von null bis zwei Uhr das Sendestudio gefilmt werden und dies über einen vom Kulturamt geförderten “Kulturserver” im Netz abrufbar sein. Für TwenFM als interaktives CyberTV ist ein Chatforum geplant nebst Zuschauerbeteiligung bei den Sendungen. Nicht schlecht für einen eben noch von der Polizei gejagten Piratensender. VERENA DAUERER
taz Nr. 6092 vom 14.3.2000 Seite 16 Flimmern und Rauschen 181 Zeilen
TAZ-Bericht VERENA DAUERER
© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags
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Datum der Veröffentlichung:0. März 2000
Autor: Sven von Thülen
Publikation: Jungle World
Titel: Polizei hebt Berlins einzigen Piratenradiosender Twen FM aus
Zufällig anwesende Hip-Hop-DJs werden zu Hauptverdächtigen.
Ein Sondereinsatzkommando der Berliner Polizei hat am Freitag Abend die Sendeaktivitäten des Piratensenders Twen FM vorläufig beendet. Sendeanlagen und andere technische Ausrüstung, ebenso wie Bargeld und sogar Musik-Minidiscs wurden beschlagnahmt. Jugendliche Hip-Hop-DJs, die zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes gerade das Mischpult bedienten, wurden unvermittelt zu Hauptverdächtigen.
Twen FM sendete seit etwa einem Jahr täglich von 18 – 2 Uhr vor allem Musik aus der Berliner Club-Szene und deckt so ziemlich dass gesamte musikalische Spektrum von Techno über House zu Speed Garage, Drum and Bass und Hip Hop ab.Es bildete mit seiner unkommerziellen Art und seiner musikalischen Ausrichtung die rühmliche Ausnahme in der größtenteils traurigen und niveauarmen Berliner Radiolandschaft. Da der Sender nur eine Reichweite von einigen Kilometern hatte, konnte man Twen FM nur in den zentralen Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und mit ein bisschen Glück und gutem Wetter auch in Friedrichshain und Kreuzberg empfangen.
Nachdem die Betreiber des Senders zu Beginn ihrer Aktivitäten Wert auf Anonymität legten, gab es in den letzten Monaten vermehrt Resonanz in der Berliner Presse. Artikel in der Taz und in dem Berliner Stadtmagazin Tip folgten. Mit dem Kulturamt Mitte wurde kurz vor der Durchsuchung und vorläufigen Schließung des Senders ausgehandelt, einen Internet-Zugang zu bekommen, damit Twen FM ihr Programm auch live im Internet streamen können. Gleichzeitig gab es eine Absprache mit dem Offenen Kanal Berlin, dass Twen FM am Wochenende vier Stunden über den Offenen Kanal zu empfangen sein sollte. Aber jetzt zu den Geschehnissen.
Freitag 3.März 2000. Berlin Mitte: Wie jeden Tag wird aus dem Erdgeschoss eines heruntergekommenen Hauses das Programm der einzigen Berliner Piratenradiostation Twen FM gesendet. Das Haus ist seit ein paar Monaten Sendezentrale von Twen FM. Die wöchentliche Hip-Hop- und Drum-and-Bass-Sendung Mo Fat Radio wird gerade gesendet
Neben den Gastgebern des Plasma Soundteams um DJ Shirkan und MC Yaneq sind noch DJ Hek 187, MC Gauner und einige andere Berliner Hip-Hop- und Drum-and-Bass-Aktivisten anwesend.
Gegen 20 Uhr stürmt ein in Riotgear gekleidetes Einsatzkommando der Polizei das Ladenlokal und fordert die etwa vierzehn anwesenden DJs und MCs im Kasernenhofton (lauter als 120 dbd) auf, die Musik aus zu machen und sich mit erhobenen Händen an der Wand aufzustellen. Fragen nach Gründen für die Maßnahmen wurden, wie Augenzeugen berichten, nicht beantwortet und mit der Feststellung quittiert, dass man keine Fragen zu stellen habe. Nach anderthalb Stunden Stehen mit erhobenen Armen an der Wand, bei dem den Künstlern anfangs sogar der Gang auf die Toilette verweigert wurde, begann die Polizei die Personalien der Anwesenden aufzunehmen. Die Staatsschützer fragten weiterhin gezielt nach DJ-Namen, die bei Twen FM Sendungen machen.
Der Sendeplan, die Computer und die Kasse einer Vereinsbar, die in den selben Räumlichkeiten arbeitet, sowie Anlage und Sender wurden beschlagnahmt, genauso wie die Platten von DJ Hek 187 und 15 Minidiscs von MC Gauner, auf denen eine Reihe unveröffentlichter Tracks mit Berliner MCs sind, die er produziert hat und die lediglich auf diesen Minidiscs gespeichert sind. Desweiteren wird Gauner, der zum ersten Mal bei Twen FM ist, und DJ Hek 187, da sie zum Zeitpunkt der Durchsuchung am Mischpult herumhantierten, vorgeworfen, die illegale Sendeanlage betrieben zu haben. Nach etwa zwei Stunden dürfen alle Beteiligten, nachdem sie unterschrieben haben, dass sie durchsucht und ihre Personalien aufgenommen wurden, den Sender verlassen. Informationen über den weiteren Verlauf des Verfahrens erhalten sie nicht. Die beiden zu Hauptverdächtigen stilisierten MC Gauner und DJ Hek 187 werden von der Polizei nach Hause gebracht, wo sie auch gleich einen Blick in deren Wohnungen werfen und androhen, dass eine richtige Hausdurchsuchung noch folgen könnte.
Wie die Zukunft des Senders aussieht und was mit den gebusteten Hip Hoppern passiert, ist ungewiss. Eine Anzeige wegen illegaler Betreibung eines Senders liegt vor. Vonseiten der Betreiber von Twen FM ist zu hören, dass man in den nächsten zwei Wochen mit neuem Sender wieder On Air gehen will.
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Verlag Heinz Heise, Hannover
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Ausgabe: 14/99 (24.6. – 7.7.99)
Publikation: taz
Titel: PIRATEN ÜBER BERLIN
Nach langer Zeit gibt es wieder einen illegalen Radiosender in Berlin. TWEN FM sorgt für Clubkultur im Äther
Eine brüchige Treppe führt hinauf ins Licht. junge Menschen, laute Musik, vergnügtes Lachen, Partystimmung. Phat dröhnt der Beat aus dem oberen Stockwerk des leerstehenden Hauses in den dunklen Hof. Eine DJeuse mischt auf einem Camping-Tisch an zwei Turntables Drum’n'Bass. Dazu rappt der MC ins Mikrofon: “Brothers and Sisters, hier ist Twen FM.” Die Klänge kommen jedoch nicht aus dem Verstärker einer HiFi-Anlage, sondern live aus dem Radio eines Ghetto-Blasters Frequenz UKW 95,1.
Lange war es ruhig in der Berliner Piraten-Radio-Landschaft. Längst schien der Äther verloren an die privaten und öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, zwischen Klassik-Konzert, Infotainment und Dudel-Funk. Doch jetzt ist Twen-FM da, dank eines unscheinbaren schwarzen Kastens, der neben dem Camping-Tisch inmitten eines Kabelsalats liegt. “Der Sender hat eigentlich Kapazität für die ganze Stadt”, sagt Sven*, der Initiator von Twen-FM. Doch noch lassen es die Radio-Piraten vorsichtig angehen. Seit Anfang Februar ist der Sender in Mitte und mit etwas Glück auch in den angrenzenden Bezirken zu empfangen. Das Programm läuft zur Zeit von Donnerstag bis Sonntag, 20 bis 2 Uhr.
Doch eine konventionelle Programmstruktur gibt es bei den Radio-Piraten nicht. Twen-FM sendet ausschließlich live aufgelegte Clubmusik (Drum & Bass, Electro, HipHop, House, Garage, Big Beat, Techno), die DJs und MCs haben jeweils feste Sendeplätze à zwei Stunden. Wortbeiträge beschränken sich auf Party-Tips, Platten-Infos und Kartenverlosungen. “Wir verfolgen keine politische Mission”, sagt Sven, “uns geht es um Spaß und die Musik, die wir gerne hören.”
Die ist zwar in der heutigen Jugendkultur die prägendste Stilrichtung, doch im Programm der offiziellen Radiostationen nur spät am Abend in Spartensendungen zu finden. Zwischen Klangteppichen, Werbung und Moderatorengeplapper ist kaum Platz für Clubmusik: Denn die können die Plattenindustrie und die Radiostationen nur schwer kommerziell ausschlachten. Es fehlen knappe Formate und Gesichter, die gewinnbringend gehypt werden können. “Ein Sender wie Twen-FM war in Berlin lange überfällig”, sagt der MC, der jeden Donnerstag gemeinsam mit DJeuse C. die Sendung “On-Bass-Traxx” in den Äther schickt. Der Mangel an Clubmusik im Radio ist nicht nur für die Hörer bitter, sondern auch für die Musiker, die außerhalb der Clubs kaum Foren für ihre Musik finden.
Die frohe Kunde von der Existenz Twen-FMs hat sich in der Szene schnell herumgesprochen. “Die Bereitschaft mitzumachen ist riesig”, erzählt Sven; der auch selber als Musiker und Drum ‘n’ Bass-Produzent arbeitet. Selbst DJs aus dem Ausland, die in Berlin gebucht worden sind, legen nach ihrem Auftritt noch bei Twen-FM auf. Fest dabei im Team sind mittlerweile Plattenaufleger aus dem WMF, Icon, berlintokyo, der Maria oder NBI. Mit derartiger Besetzung wird Erfolg und Kultstatus nicht lange auf sich warten lassen.
Doch Radiopiraterie ist illegal. Die Frequenzen gehören dem Staat, und die Telekom verwaltet. Zwar heißt es im Artikel 5 des Grundgesetzes: Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Doch wer senden will, muß unzählige Auflagen einhalten und vor allem deftig zahlen. Wer es trotzdem tut, dem drohen Strafen bis zu fünf Jahren Haft. Wegen der rigiden Handhabung des Fernmeldeanlagen-Gesetzes gibt es in Deutschland nur noch wenige Piraten-Radios, die zumeist nur sporadisch senden. Allein in London existieren dagegen gleich mehrere illegale Sender mit Vollprogramm. Doch von Angst ist in den kahlen Räumen in dem leerstehenden Haus nichts zu spüren. Die Stimmung ist gut, und die Bedrohung, von einem Peilwagen der Telekom oder von einem Sondereinsatzkommando ausgehoben zu werden, nehmen die Radio-Piraten von Twen-FM locker “Wir hoffen, daß die Polizei spätabends andere Sorgen hat; als uns hinterher zu fahnden” sagt Sven. Hinter seiner Stirn pochen bereits die Pläne für das nächste Projekt: Ein Twen-FM-Netzwerk mit Sendern in allen deutschen Großstädten. Fensch/Diehn
*Name von der Redaktion geändert
© tip 14/99 (24.6. – 7.7.99)






